• 28. Juli 2017 13:07
  • Breitband², Sendung vom 29.07.2017, Sendungen

Die Erfindung der Zukunft

Kann uns Science-Fiction helfen das Jetzt zu verstehen?


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Sie ist schon längst da, die Zukunft: Roboter helfen nicht nur in Fabriken, sondern auch bei der Pflege von alten Menschen. Es ist völlig normal, jederzeit einen kleinen, mit der gesamten Welt verbundenen Computer mit sich zu tragen. Wir können uns mit hunderten von Stundenkilometern fortbewegen, in der Luft und auf dem Land. Um entfernte Orte zu sehen, ist Reisen nicht mal unbedingt nötig: Es gibt Livestreams von fast überall. Und auch die virtuelle Realität wird immer mehr zum Alltag.

Man könnte noch viele andere Beispiele nennen – und sie dann mit Fiktionen aus der Vergangenheit abgleichen. Alles davon wurde so oder ähnlich vorausgesagt: Die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung, die Verschmelzung von Mensch und Maschine oder realgewordene Dystopien von Überwachungsstaaten sind so oder zumindest sehr ähnlich beschrieben worden – sowohl in den Klassikern von George Orwell, William Gibson und Philip Dick als auch von neueren Autoren wie Cory Doctorow, Gary Steyngart und Charlie Brooker.

Ein neuer Hype um Science-Fiction

Für die Visionäre vergangener Zeiten leben wir in der Zukunft, nicht nur zeitlich, sondern auch technologisch. Doch keiner dieser Autoren hatte eine Glaskugel. Sie haben vor allem ihre Lebensrealität besonders klug weitergedacht. Vergessen sollte man bei den heute oft zitierten Punktlandungen auch nicht, dass es für jedes „1984“ vermutlich zwanzig vergessene falsche Annahmen der Zukunft gibt.

Trotz alledem: Unsere Welt, die sich selbst technologisch im Übermorgen verortet, ist interessierter denn je an Zukunftsszenarien. Orwells „1984“ war monatelang Bestseller bei Amazon, Klassiker wie Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“ bekommen eine Serienverfilmung, die beunruhigend visionäre Serie „Black Mirror“ wird weltweit gefeiert und in den Regalen der Buchhändler (egal, ob im Lagerhaus oder im Geschäft) sind hunderte Science-Fiction-Titel zu finden.

Gesellschaftlicher Ansporn oder bloße Unterhaltung?

Die alten Weisen Orwell, Dick oder auch Stanisław Lem haben versucht, durch eine überspitzte Darstellung der Zukunft ihre damalige Welt zu verstehen, zu erklären, vor Gefahren zu warnen und Chancen aufzuzeigen. Trifft das auch auf heutige Science-Fiction und die Begeisterung dafür zu? Ist der Hype um Utopien und Dystopien ein Versuch, unsere Welt zu erklären und zu verstehen?

Kann Science-Fiction überhaupt gesellschaftlicher Ansporn sein, Gefahren von Überwachung aufzeigen und zu Widerstand auffordern? Oder ist sie nur Entertainment und gibt uns das Gefühl von spacigen Zukunftsandroiden, mit der Aussicht noch viel wildere Dinge zu unseren Lebzeiten zu erleben?

Im Gespräch mit Max von Malotki:

Natascha Adamowsky ist Professorin für Medienkulturwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Sie habilitierte zum Thema „Das Wunder in der Moderne. Zur ästhetischen Kultur moderner Selbstüberschreitung in Wissenschaft, Technik und den Künsten“ und gibt Seminare zu Themen wie Transhumanismus, „Apokalypse im Film“ oder „Technik und Staunen“.

Sascha Mamczak
ist Lektor und Herausgeber von Science-Fiction-Literatur. Zuletzt ist von ihm das Buch „Die Zukunft – Eine Einführung“ erschienen.

René Walter ist Gründer und Betreiber des Blogs Nerdcore. Als „Kurator des Internets“ trägt er dort Skurrilitäten und Fundstücke zusammen und beschäftigt sich mit Zukunftsvisionen.

Redaktion: Jochen Dreier und Jana Wuttke
Webredaktion: Nora Gohlke

Bild: The seeing eye von Valerie Everett auf Flickr.com, CC BY-SA