• 8. Mai 2017 15:05
  • Off-Air, Sendung vom 13.05.2017

„Dich kenn ich aus dem Internet!“

Eindrücke und Empfehlungen der re:publica 2017


Anfang Mai in Berlin: Wer das Wort „Datenschutzregulierung“ im Schlaf rückwärts buchstabieren kann oder zumindest einen Twitteraccount sein eigen nennt, den zieht es zur re:publica. Die Netz- und (digitale) Gesellschaftskonferenz geht in diesem Jahr schon in die elfte Runde, und fast könnte sich da langsam eine gewisse Routine und Abgeklärtheit einschleichen – oder doch nicht?

Miriam Sandabad wirft für uns einen subjektiven Blick auf Details der dreitägigen Konferenz und sucht nach Perlen im Programmozean. Jeden Tag am Nachmittag teilt sie hier ihre Beobachtungen und Vortragsempfehlungen.

 

Tag 1 – Montag, 8.5.2017

Erkenntnis des Tages: Das Motto der diesjährigen re:publica ist „Love Out Loud“; verbreitet die Liebe im Netz. Die Konferenz ruft zu Zivilcourage und gegen den Hass im Internet auf, und dieser Appell scheint beim Publikum gut anzukommen: Bei der Willkommensshow wird gejubelt und applaudiert, als ob die Herzen überlaufen. Und Herzen gibt es dann tatsächlich auch überall auf dem Veranstaltungsgelände zu sehen, die Veranstaltungsdeko mutet ein wenig hippiefestivalesk an. Das wärmt bei dem miesen Wetter draußen zumindest schön von innen.

Satz des Tages: „Das Leben ist kein republica-Hof.“ re:publica-Gründer Johnny Haeusler bei der Begrüßung.

Programmtipp des Tages: „Die Macht der Sprachbilder – politisches Framing und neurokognitive Kampagnenführung“ von Elisabeth Wehling, 16:00-17:00 Uhr auf Stage 1. Politische Entscheidungen beruhen nicht auf Fakten, sondern auf Frames, sagt die Kognitionswissenschaftlerin und Linguistin Elisabeth Wehling. Warum Faktchecking nicht grundsätzlich zum Erfolg führt und wie vor allem im politischen Wahlkampf mit psyhologischen Tricks gearbeitet wird, erklärt sie in ihrem Vortrag – die geneigten Breitband-Hörer*innen kennen sie bereits aus unserer Talksendung vom vergangenen November.

 

Tag 2 – Dienstag, 9.5.2017

Erkenntnis des Tages: Johnny Haeusler hat es gestern schon unwissentlich angedeutet: Das Leben ist in diesem Jahr wirklich kein republica-Hof, es ist so leer dort wie seit Jahren nicht mehr. Liegt am Regen, klar, aber umso voller sind die Sessions. Bezeichnenderweise ist der Andrang vor dem kleinen Raum, in dem ein Vortrag zu angstbedingter Prokrastination stattfindet, so groß, dass er fast mit der angrenzenden Pommeswagenschlange verschmilzt. Vorteil der überfüllten Bühnen: Endlich Zeit, um sich die vielen kleinen Workshops und Ausstellungen neben dem Hauptprogramm anzusehen (siehe Programmtipp des Tages).

Satz des Tages: „Jemand geht an mir vorbei, der ins Telefon sagt: ‚Ich habe jetzt 10 Croissants, wir sind Safe.'“ #rp17-Tweet von Max von Malotki.

Programmtipp des Tages: Sehr empfehlenswert ist das kleine Gebäude neben dem eigentlichen Veranstaltungsort, in dem das labore:tory ansässig ist: Neben zwei Stages finden sich dort auf drei Ebenen Ausstellungen und kleine Ausprobierstationen, bei denen etwa mit VR-Brillen durch Korallenriffs getaucht oder durch afrikanische Dörfer spaziert werden kann. Mit am eindrucksvollsten (und bedrückendsten) ist jedoch die ruhige, nur mit Videosequenzen unterstützte Installation „How was School today?“ des Künstlers Stuart Sheldon aus Miami. Er thematisiert das Massaker an der Sandy-Hook-Grundschule in Connecticut von 2014. Ein kurzes Innehalten, bevor der quirlige Netzwerktrubel einen wieder einfängt.

 

Tag 3 – Mittwoch, 10.5.2017

Erkenntnis des Tages: Wenn man – wie heute die Autorin – höheren Mächten ausgeliefert ist, die einen daran hindern, die Konferenz zu besuchen, entdeckt man einen klaren Vorteil der lokalen Abstinenz: Keine langen Schlangen vor den Bühnen und an der Kaffeemaschine reiht sich außer der eigenen Tasse auch niemand anderes ein. Yeah! Tatsächlich ist die Liveübertragung der Sessions tadellos und ruckelfrei, zwar wird nur ein Teil des Programms gestreamt, aber vor Ort ist ja auch nicht jeder Vortrag erlebbar (siehe Erkenntnis des vorherigen Tages). Ein bisschen einsam ist es dennoch, auch wenn SMS von Menschen vor Ort versichern, dass die Stimmung etwas abgehangen sei, das Publikum müde und zunehmend ohne Namensschilder (beim Feiern verloren?) und ja, auch der Wind sei immernoch sehr sibirisch.

Satz des Tages: „Endlich habe ich einen von diesen kostenlosen Kaffeebechern!“ Nachricht von Breitband-Kollege Markus Köbnik.

Programmtipp des Tages: „Black Mirror – How smart our life is“ von Fanny Hidvegi, Maryant Fernández und Estelle Masse, 16:15 – 17:15 Uhr auf Stage T. Der Workshop diskutiert zunächst die technischen Errungenschaften, die in der britischen Science Fiction-Serie „Black Mirror“ zentrale Rollen spielen. Anschließend wird in Gruppen geklärt: All die Apps, Gadgets, Geräte, die wir tagtäglich benutzen – helfen sie uns wirklich? Wie kritisch sind wir technischen Innovationen gegenüber, oder sollten es sein? Mit Fragen zu Utopien und Dystopien der Technikentwicklung beschäftigt sich übrigens auch unsere kommende Breitband-Ausgabe am 13.Mai.

 

Fotos: Miriam Sandabad