• 28. Januar 2012 15:01
  • Portrait, Sendung vom 28.01.2012

Paradefigur aus einem Schelmenroman

Der "Internetunternehmer" Kim Schmitz


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Schlitzohr oder Schwein? Um es gelinde zu sagen: Der kürzlich in Neuseeland verhaftete Internetunternehmer Kim Schmitz wirft seit vielen Jahren zahlreiche Debatten um seine eigene Person auf. Unser Autor Laf Überland war erstaunt, mit welcher Naivität mancherorts im Netz dem Pseudo-Hacker nachgetragen wird und verfasste ein kleines Portrait.

Sein Wikipedia-Eintrag beginnt damit, daß Kim Schmitz, 1974 geborener Internetunternehmer, nach Betrugsdelikten im Fahrwasser der New Economy wegen Inseiderhandels und Veruntreuung verurteilt wurde, - gilt als Hochstapler, steht da. Und eigentlich ist er eine Paradefigur aus einem Schelmenroman des 19. Jahrhunderts: Denn das fing damit an, daß er behauptete, ein „Hochbegabten-Abitur“ in einem Internat gemacht zu haben, dabei hatte er die Hauptschule besucht und anschließend zwei Jahre in einer Einrichtung für verhaltensauffällige Jugendliche verbracht. Mitte der Neunziger trat Schmitz zum ersten Mal als selbsternannter Hacker an die Öffentlichkeit: und zwar wirklich an die Öffentlichkeit: Im Ersten zeigte er, was er drauf hatte, als er kostenloses telefonieren mit einer simplen Trickschaltung. (Die er nicht erfunden hatte.) Danach war das dann übrigens nicht mehr möglich, weil Schmitz mit seinem Angeberauftritt die Telekom alarmiert hatte. – Stattdessen kamen danach Calling Cards in Mode: prepaid-telefonkarten, die sich leicht fälschen liessen: Die besaß Kim Schmitz plötzlich in rauhen ;Mengen - weshalb er mit ihnen auch die ahnungslosen jungen Hacker bezahlte, die für ihn irgendwelche Arbeiten verrichteten. (Er selbst konnte ja eigentlich gar nicht hacken...)
Er soll sogar, eine Zeit lang, seine - Freunde (so würde man das heute nennen) in den illegalen Tauschzirkeln der Frühzeit gescannt und – an einen Abmahnanwalt verkauft haben.
Tja: Er hatte eben immer ein Gespür dafür, wie man mit minimalem Aufwand viel Geld verdienen kann, dieser Held der aufgebrachten Megaupload-Freunde und Anonymiker. - Hört mal, Kinder, hier singt der liebe Kim sogar! Und wie schön!!!
Schlitzohr oder Schwein, die Auffassungen bei Leuten, die Kim Schmitz kennen, gehen da auseinander. Seine erste Million soll er jedenfalls gemacht haben, indem er mit einer selbst-erfundenen Risikokapitalgesellschaft Leute übers Ohr haute. Da er Knast auf Bewährung kriegte, konnte er gleich weiter an seinem Erfolg arbeiten: zum Beispiel, indem er eine Firma gründete, die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz garantierte Börsengewinne erwirtschaften sollte.
Nein, nicht lachen: Sein protziges Auftreten machte schon Furore: Und er durfte auch ml bei Harald Schmidt auftreten. Aber irgendwann funktionierte das mit all den erfundenen Sachen und nicht angekündigten Mega-Veranstaltungen nicht mehr: Und dann muß er wohl Megaupload aufgemacht haben. Zumindest nannte er sich in Neuseeland dann Kim Dotcom. (In Hongkong übrigens, zur selben Zeit, Kim Tim Jim Vestor...)
Verhaftet haben sie ihn jetzt in Neuseeland auf seinem Anwesen mit, laut SPIEGEL ONLINE: Tennisplatz, Pool, Giraffenstatuen im Garten, 30 Bedienstete in schwarzen Uniformen, die in Golfwägelchen durchs 24 Hektar große Gelände kreuzen. Ein Wohnsitz wie aus Hollywood, ein großer Fuhrpark, unterirdische Gänge. – Kaufen durfte Kim Dotcom Schmitz die 30-Millionen-Villa übrigens nicht: weil er nicht die notwendigen charakterlichen Kriterien erfüllte, wie sie in Neuseeland dafür notwendig sind.

Foto: Andreas Bohnenstengel bei Wikipedia // Lizenz: Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0)